Klausurrückgabe

11. Januar 2015

Es ist so weit: Der Klausurberg ist abgearbeitet. Viele Klausuren sind korrigiert, kommentiert und bewertet. Nun müssen sie nur noch zurückgegeben werden. Da kann es einem als LehrerIn passieren, dass Schülerinnen und Schüler einen Blick auf die Note werfen, flüchtig den Kommentar lesen und dann nach der Besprechung der Klausur am Ende der Stunde der LehrerIn die Klausur mit den Worten hinhalten: “Wollen Sie sie gleich wieder mitnehmen?”

<dramatische Pause>

Nein, das möchte ich nicht. Denn ich habe mit dieser einzelnen Klausur eine Menge Zeit verbracht, ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht. Ich habe wohlwollend versucht, Handschriften zu entziffern. Ich habe Rechtschreib- und Grammatikfehler gewissenhaft korrigiert. Ich habe mir Sätze oder ganze Absätze immer wieder laut vorgelesen mit dem Ziel, Gedankengänge trotz syntaktischer Fehler nachzuvollziehen. Ich habe geniale Gedanken, eine solide Methodik oder ausreichende Ansätze gesucht. Und alles das habe ich getan, weil ich in erster Linie Pädagogin bin. Weil ich möchte, dass die Schülerinnen und Schüler, für die ich verantwortlich bin, sich gut ausdrücken können. Dass sie einen Gedankengang systematisch entwickeln und nachvollziehbar darstellen können. Dass sie eigenverantwortlich und kritisch mit einem literarischen, pragmatischen oder historischen Text umgehen und ihn sich erschließen und/oder beurteilen können. Weil ich über ihr nächstes Zeugnis hinaussehe und weiß, dass das Kompetenzen und Fertigkeiten sind, die sie immer brauchen werden, wenn sie Gesellschaft mitgestalten wollen. Und deshalb möchte ich, dass sie aus ihrer Klausur und meiner Korrektur etwas lernen und sich weiterentwickeln. Wie soll das aber geschehen, wenn sie nur einen flüchtigen Blick auf das Ergebnis werfen?

Allerdings kann man ihnen kaum vorwerfen, dass manche einem die Klausur gleich wieder zurückgeben wollen. Schließlich fehlt häufig eine Anleitung, wie man aus seiner Klausur Rückschlüsse auf das eigene Lernverhalten ziehen kann und wie man diese für die persönliche Lernentwicklung nutzen kann. Wie also kann man eine Klausurrückgabe so gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler bestmöglich individuell gefördert werden?

Ich mache das so: Die Schülerinnen und Schüler erhalten ihre Klausur zurück, deren Randkommentar sehr ausführlich ist und Vorzüge und Mängel präzise und transparent ausweist. Eine Rot-Grün-Korrektur ist meiner Erfahrung nach für alle hilfreich. Der bewertende Kommentar beschränkt sich auf wesentliche Aspekte, die juristische Funktion ist gewährleistet. Die SuS erhalten einen differenzierten Erwartungshorizont sowie ein Arbeitsblatt, das wesentliche Kompetenzen, die in der Unterrichtseinheit gelegt und in der Klausur abgeprüft wurden, auflistet.

Das Arbeitsblatt ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Analyse der eigenen Leistung. So kann es im Fach Deutsch beispielsweise gegliedert sein nach: Inhalt – Methodik – Sprache. Oder man führt die einzelnen Bestandteile eines Erörterungs- bzw. Interpretationsaufsatzes an. Die Schülerinnen und Schüler erhalten jetzt die Aufgabe, zu den einzelnen Aspekten ihre individuellen Stärken und Schwächen differenziert aus dem Randkommentar und dem bewertenden Kommentar der Klausur zu ermitteln und zu notieren. Wichtig ist es, sie darauf hinzuweisen, auch Ansätze als Stärken anzusehen. Sehr viel leichter fällt es ihnen nämlich, ihre Schwächen zu nennen.

Im zweiten Teil des Arbeitsblattes geht es um Ziele und Maßnahmen. Die Schülerinnen und Schüler wählen zwei bis drei Bereiche aus, die ihnen wichtig erscheinen und zu denen sie individuelle Entwicklungsziele festlegen und formulieren. Die Ziele müssen konkret und realistisch sein und dürfen die SuS nicht überfordern. Außerdem setzen die Schülerinnen und Schüler einen Zeitpunkt, wann sie das Ziel erreicht haben wollen, und entwickeln Maßnahmen, mit denen sie das Ziel erreichen können. Hierbei brauchen sie häufig verstärkte Unterstützung durch die Lehrkraft. Es empfiehlt sich also, das Arbeitsblatt im Unterricht, wenn möglich in einer Doppelstunde ausfüllen zu lassen, damit man als Lehrkraft entsprechend Hilfestellung und Anregungen anbieten kann.

Die Schülerinnen und Schüler nehmen Klausur und Arbeitsblatt mit nach Hause, um in Ruhe weiter daran arbeiten zu können, und bringen beides in der nächsten Stunde wieder mit. Ich prüfe dann in einem zweiten Schritt der Korrektur anhand des ausgefüllten Arbeitsblatts, ob die Analyse plausibel und ob Ziele und Maßnahmen realistisch und funktional erscheinen. Dann erhalten die Schülerinnen und Schüler das Arbeitsblatt für ihre Unterlagen zurück. Wer kritisiert, dass das ein Arbeitsaufwand ist, der nicht leistbar ist, dem kann ich nur empfehlen, variabel damit umzugehen. Man könnte diese Art der Rückgabe beispielsweise nur in ausgewählten Klausuren (erste Klausur in Jg. 11, Vorabitur o.ä.) oder Lerngruppen praktizieren. Zufriedener macht das Vorgehen allemal und bessere Ergebnisse in den Folgeklausuren können auf Dauer auch eine Zeitersparnis bedeuten.

Natürlich nimmt auch diese Form der Klausurrückgabe Schülerinnen und Schülern nicht jegliche Enttäuschung über eine schlechte Bewertung. Aber die Atmosphäre, die in der Klasse herrscht, wenn alle an ihrer Lernentwicklung arbeiten, bietet etwas vollkommen Anderes als die häufig nach einer Klausurrückgabe entstehende Mischung aus enttäuschtem Schweigen und erfreutem Lachen – je nach individuellem Ausfall des Ergebnisses. Hier arbeiten ALLE an ihrer weiteren Entwicklung. Den Schülerinnen und Schülern mit einer guten Note macht man damit deutlich, dass der Weg weiterführt und das persönliche Entwicklungsziel noch nicht erreicht ist. Und den Schülerinnen und Schülern, die enttäuscht sind über ihr Ergebnis, zeigt man einen konkreten Ausblick auf, wie sie sich verbessern können. So wird die Klausurrückgabe zum Anlass für einen vielfältigen Dialog über Lernentwicklung.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 41 Followern an