Unterrichtsgespräch 2.0

17. Juli 2012

Es gibt es noch, das alte Unterrichtsgespräch. Auch in Zeiten von Wochenplan und Lernbüro. Und das ist auch gut so. Denn das Unterrichtsgespräch hat durchaus seine didaktische Berechtigung. Geht es zum Beispiel um die Beurteilung eines historischen Phänomens, ist es für viele Schülerinnen und Schüler hilfreich, dem offenen Diskurs zu folgen, um unter Berücksichtigung verschiedener Positionen und Perspektiven selbst ein Urteil fällen zu können.

Aber das Unterrichtsgespräch 1.0 hat unleugbar große Schwächen. Es wird mehr oder weniger stark von der Lehrkraft gelenkt. Aspekte, die außerhalb der sich entwickelnden Diskussion liegen, können nicht immer eingebunden werden oder werden nicht erkennbar, weil SuS sie gar nicht erst äußern. Und introvertierte SuS haben es in Klassen mit über 30 SuS schwer, ihre häufig sehr klugen Gedanken öffentlich zu äußern.

Inspiriert und ermutigt durch einen Blogpost von Philippe Wampfler (@phwampfler) habe ich getestet, inwiefern das alte Unterrichtsgespräch vom Einsatz neuer Medien profitieren kann.

In einem Kurs findet die Abschlussstunde einer Unterrichtseinheit im Computerraum statt, in der es ein historisches Phänomen zu beurteilen gilt. Die üblicherweise als Kontroll- und Überwachungsinstrument eingesetzte Software iTalc lässt die Textdokumente der SuS auf dem Lehrerbildschirm und über den Beamer vorne in der Klasse für alle sichtbar werden. So entsteht ein interner Backchannel, über den die SuS jederzeit Kommentare, Fragen oder Zusatzmaterialien in die Diskussion einbringen können.

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(Unterrichtssituation aus Datenschutzgründen konstruiert.)

Nach den Vorzügen eines Backchannels gefragt nennen SuS u.a.:
– Backchanneling stelle eine Möglichkeit dar, im eigenen Tempo nachzudenken und etwas beizutragen.
– Ideen, die gerade nicht in den Diskussionsverlauf passten, könnten zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden.
– Schüler könnten die Diskussion mit Materialimpulsen wie Bildern oder Videos selbstständig erweitern und vorantreiben.
– Backchanneling erlaube mehr Freiheit im Unterricht.

Als Lehrerin ist das eine unglaublich spannende Erfahrung mit einer hohen Anforderung an die Konzentrationsfähigkeit. Schon ein Unterrichtsgespräch 1.0 verlangt der Lehrkraft viel ab, gilt es doch, gleichzeitig inhaltliche Impulse zu geben, zu moderieren und Rückmeldungen zu geben, also virtuos zwischen Inhalts- und Metaebene zu wechseln. Ein Backchannel fügt eine weitere Ebene hinzu. Geht nur, wenn man als Lehrer bereit ist, Kontrolle abzugeben und sich auf Ungewisses einzulassen. Hilfreich ist es, einem Schüler das Protokollieren der Diskussionsergebnisse zu übertragen (Foto: PC 09, rechts oben). Das Ergebnis ist ein in hohem Maße diversifiziertes Diskussionsergebnis, das das Potenzial der Lerngruppe in viel höherem Maß als bisher abbildet. Allerdings, auch das muss man sagen, können sich Schülerinnen und Schüler durch den Backchannel abgelenkt fühlen. Ein dosierter Einsatz erscheint also geraten.

Eine technische Alternative ist beispielsweise das Etherpad. Hierbei könnten allerdings durch die direkten Interaktionsmöglichkeiten zwei unterschiedliche Diskussionen entstehen, was u.U. zu zu viel Zerstreuung führen und dadurch nur noch schwer gehandhabt werden kann.
Zu gewährleisten ist in jedem Fall die Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorgaben des jeweiligen Bundeslandes.

Man mache am besten möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen, welche Technik für welchen Zweck funktional erscheint, und teile diese anschließend mit der Lernen-2.0-Community…
Aber: Vorsicht! Das Backchannel-Unterrichtsgespräch mit seiner Diversifikation und seiner Energie, etwa in Form eines Neuronen-Gewitters à la Jean-Pol Martin (@jeanpol), kann die Teilnehmer vollkommen in seinen Bann ziehen und das Klingeln am Ende der Schulstunde selbst für Schüler unpassend erscheinen lassen…

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