Wozu brauchen wir in Zukunft noch LehrerInnen?

31. Oktober 2012

Die Frage stellt sich tatsächlich angesichts der Zunahme von digitalen Bildungsangeboten. Als LehrerIn glaube ich natürlich an meine Existenzberechtigung unabhängig von der Art des Lernens und kann die auch theoretisch begründen. Authentisch werden diese Argumente aber nur, wenn ich mich in die Rolle der Lernenden begebe. Und so ergeht es mir wieder einmal, seit ich vor kurzem vom EduCamp in Ilmenau zurückgekehrt bin.

Voll mit neuen Ideen und Plänen verbreite ich einige dieser Ziele und Vorhaben in der Community. Und was passiert? Es kommen spontan unterstützende Reaktionen wie diese: „Das, was du ausprobieren möchtest, ist leicht und macht Spaß.“ Das macht sofort Mut. Warum? Weil diese Aussage für mich in etwa so etwas bedeutet: „Du möchtest etwas lernen. Das kommt dir, weil du es noch nicht kannst, schwer vor. Ich habe den Weg schon gemacht und weiß, wo du stehst, und kann dir deshalb sagen, dass du es schaffen kannst.“ Ich vertraue diesem Urteil. Ich vertraue der Erfahrung, die dahinter steht. Und ich erhalte einen motivierenden Ausblick darauf, wie es sein könnte, wenn ich dieses Neue beherrschte. Da will ich hin.

Ein anderes Angebot lautet so: „Und du weißt ja: Wenn du Hilfe brauchst, findest du die hier“. Das ist toll. Einen konkreten Ansprechpartner zu haben, ist hilfreich. Einen, der signalisiert: „Ich nehme mir Zeit für dich und stelle dir meinen Überblick zur Verfügung.“ Natürlich könnte ich mir auch ein Video-Tutorial ansehen. Aber das Tutorial kann mir nur eine vorab ausgewählte Portion an Wissen / Anleitung liefern. Es kann mir nicht die Beratung zuteil werden lassen, die ich benötige, um den geeigneten Weg für mich zu wählen.

Und dann erhalte ich noch folgende Reaktion: „Schau dir mal das hier an. Das könnte dir vielleicht weiterhelfen. Und wenn du Schwierigkeiten bei der Umsetzung hast, dann kannst du mich jederzeit fragen.“ Das ist jemand, der mir Hilfsmittel in Form eines Video-Tutorials bereitstellt und mir gleichzeitig Selbstständigkeit zutraut. Und sich dann als Unterstützung anbietet, wenn ich nicht allein weiterkommen sollte. Eine Sicherheit im Rücken, die dazu führt, dass ich mich immer ein Stückchen weiter wagen kann.

Nicht zu vergessen seien die allgemeinen Rückmeldungen, die einem einfach die eigenen Qualitäten und Fähigkeiten spiegeln. Die mit wohlwollender Aufmerksamkeit das eigene Handeln beobachten und einem sein Potenzial bewusst machen. Und das führt, so beobachte ich es zumindest an mir, nicht zu einem zufriedenen Zurücklehnen, sondern dazu, dass ich große Lust und das nötige Zutrauen verspüre, etwas Neues zu lernen, mich weiter auszuprobieren und meine neu erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen dann vielleicht sogar mit Anderen zu teilen. Und so kann ich auch Fehler, Rückschläge und Phasen der Frustration überstehen, ohne vorschnell aufzugeben.

All diese Reaktionen stammen tatsächlich von LehrerInnen. Und was ist von mir als Lernerin gefragt? Natürlich der Wunsch, etwas zu lernen, mich zu entwickeln, mich explorativ zu verhalten. Das geht am besten, wenn ich nach einem Angebot durch Andere mir mein Lernziel selbst aussuchen, zumindest eigene Schwerpunkte setzen kann. Und die Bereitschaft, um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn ich mir selbst nicht genügend zutraue oder an meine Grenzen stoße. Und das Bemühen, klar zu formulieren, was ich persönlich in dieser Situation zum gelungenen Lernen benötige.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wozu brauchen wir in Zukunft noch LehrerInnen?

Genau dazu.

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7 Antworten to “Wozu brauchen wir in Zukunft noch LehrerInnen?”

  1. Ich möchte einen Punkt ergänzen: Lehrende erweitern den Horizont. Wie war es denn ohne Lehrer? Da wurde der Sohn vom Bauer wieder Bauer und die Tochter vom Schmied hat den Haushalt in ihrer Hütte ebenso geführt, wie das ihre Mutter getan hat. (Exkurs: Nicht zuletzt setzen sich so auch grausame Traditionen wie die Beschneidung, das Schlagen von Kindern als Eriehungsmaßnahme o.ä. durch: es war nicht anders bekannt.)

    Lehrende könnte man fast schon aus systemtheoretischer Sicht als „außerhalb des Familiensystems“ sehen, die den Lernenden helfen, nicht nur ihre eigene Welt zu verstehen, sondern auch darüber hinaus weitere Möglichkeiten zu erkennen.

    Ich muss heute noch ab und an meinen Eltern erklären, was ich denn so mache. So in etwa wissen sie, was Medieninformatik so ist, bei Wirtschaftsinformatik haben sie sich vermutlich selbst eine Erklärung zusammengereimt, da fragen sie nicht sooo genau nach. Das liegt weder an Desinteresse noch an mangelnder Bildung (beide sind Akademiker, mein Vater promoviert). Es liegt schlichtweg daran, dass auch sie eine „Systemerweiterung“ bräuchten, sei es ein Wikipediaartikel oder eine eigene Ausbildung in dieser Richtung. Das geht natürlich nicht, zumindest nicht in alle Richtungen (Wikipedia können sie glaube ich ganz gut bedienen). Aber ohne einen Informatiklehrer, einen Mathelehrer und ein wenig Medienaffinität wäre ich vielleicht nie darauf gekommen, Medieninformatik zu studieren. Meine Eltern haben mir das nicht be- oder empfohlen, sie kannte es vorher garnicht. Hier wurde mir in der Schule gezeigt, dass ich Informatik ganz interessant finde, offenbar die nötigen mathematischen Fähigkeiten mitbringe und somit war es durchaus drin.

    Lehrende erweitern Horizonte. Das sollten sie zumindest.

    • Beim Überfliegen gemerkt: Ich meine Beschneidung von Mädchen. Ich meine keine Beschneidungen im Säuglingsalter nach jüdischem Glauben.

    • La said

      Das ist in etwa das, was ich mit „Ausblick“ und „Angebot“ gemeint habe. Aber schön, dass du es noch mal so betonst und mit deinem persönlichen Hintergrund füllst.

  2. Herr Rau said

    Wenn Schüler lernen wollen, dann funktioniert das genau so, und das habe ich auch – selten – in der Schule erlebt. Meistens wollen Schüler aber nicht jetzt gerade das lernen, was sie laut Lehrplan in dieser Jahrgangsstufe in diesem Fach lernen sollen. (Wobei sich die meisten auch nicht dagegen wehren, das zu lernen, was gerade vorgesehen ist; in der Regel nehmen die schon mit, was angeboten wird. Aber exploratives Verhalten ist das nicht.

    Ich glaube, man muss unterscheiden und grundsätzlich überlegen, ob man weg will von jahrgangs- und fachspezifischen Lehrplänen. Wenn ja, wie macht man das dann? Wenn nein, wie dann?

    • La said

      Ja, das sind tatsächlich die großen, die grundsätzlichen Fragen. Ich finde gut, dass wir auf sie stoßen und sie stellen. Schlüssige Antworten habe ich auch (noch) nicht auf alle. Ich habe hier einfach mal beschrieben, was ich selbst so positiv erfahren habe in einer Situation, in der ich mir das zu Lernende aussuchen konnte. Das ist natürlich eine privilegierte Situation. Und ich habe das sehr selbstkritisch abgeglichen mit meiner eigenen Lehrerrolle. Da gilt es noch eine Menge zu verändern. Aber diese Erfahrung, was mir beim Lernen guttut, war sehr nachdrücklich. Erdrutschartig. Ich baue darauf, dass das verändernd wirkt. Vielleicht ja auch bei Anderen.

  3. Lernen ohne Lehrende geht glaube ich nicht. Lernen braucht Beziehung, und zwar zwischen Menschen. Web 2.0 kann zwar die Beziehungen zwischen Menschen verändern, aber nicht ersetzen. Lernen braucht die vielfältigen Gefühle, die uns als Menschen ausmachen, und möglichst viele positive Gefühle, damit sich das Gelernte auch im Gehirn absetzt. Lob, Ermutigung, Verstärkung, Wegweisen, Helfen, Anregen und so weiter konnen nur Lehrpersonen, also Menschen. Ich glaube gerade in einer 2.0 Welt sind wir Menschen gefragt, als Orientierer und Kartenzeiger in der unübersichtlichen Internet Welt. Unsere Rolle als Lehrer wird sich allerdings kräftig ändern. Es geht nicht mehr um Wissens-Vermittlung, sondern um Begleitung auf Lebens/Lernabschnitten.

    • La said

      Mir gefällt der Aspekt des Menschseins mit all seiner Vielfalt, den du hier in den Lernprozess einbringst. Was die Lehrerolle betrifft, komme ich zu einem ähnlichen Schluss wie du. Die positiven Erfahrungen, die ich hier geschildert habe, geben mir eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wo es hingehen kann.

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