Einfach mal die Schüler fragen!

19. Januar 2013

Wieder einmal liegen die Rückmeldungen meiner Schülerinnen und Schüler zu meinem Unterricht vor mir. Und wieder einmal denke ich: Was ginge mir verloren, holte ich dieses Feedback nicht ein! Auch wenn ich meine Rückmelderoutine im Artikel Haltungsnote grundsätzlich schon beschrieben habe, möchte ich das hier ein bisschen näher ausführen.

Was die anonymen (getippten) Rückmeldungen zeigen: Die Schülerinnen und Schüler sind echte Experten in Bezug auf die Analyse von Unterricht. Kein Wunder, erleben sie doch täglich eine Menge davon mit unterschiedlichen Lehrkräften in vielen Fächern. Natürlich fehlt ihnen die Fachterminologie, aber sie erfassen ganz genau, was wie wirkt, und formulieren das dann in ihren eigenen Worten.

Ich verzichte bewusst auf Feedback per standardisiertem Fragebogen. Damit gehe ich das Risiko ein, dass mein Unterricht nicht in der ganzen Bandbreite erfasst wird. Außerdem erhalte ich eben Einzelaussagen, die kaum verallgemeinerbar sind. Ich versuche diesem Problem zumindest dadurch Rechnung zu tragen, dass ich mit den Schülerinnen und Schülern vorher mögliche zu analysierende Unterrichtsaspekte wie z.B. Wirksamkeit, Methodik, Lehrerverhalten, Bewertung etc. bespreche.

Ich möchte aber einfach nicht auf die individuellen Äußerungen der Schülerinnen und Schüler verzichten, die sich zu Hause häufig sehr viel Mühe bei der Formulierung geben. Manche gestalten das als Tabelle, die Stärken und Schwächen meines Unterrichts auflistet. Andere verfassen einen Brief, der ihre Beobachtungen, Bewertungen und Empfehlungen zusammenfasst. Was in der Regel allen Rückmeldungen gemein ist: Sie sind glasklar. Und potenziell ermutigend. Sie weisen nämlich deutlich aus, was gelingt und was die Schülerinnen und Schüler warum schätzen. Und sie benennen, ohne darum herumzureden, was sich ihrer Meinung nach wie verbessern müsste. Sind wir Lehrende in unseren Rückmeldungen eigentlich immer ebenso klar?

Nachdem ich das Schülerfeedback gesichtet habe, werte ich es nach Aspekten gegliedert aus und stelle die Ergebnisse der Lerngruppe vor. Ich kommentiere sie, ordne sie ein, erkläre meine Beweggründe, stelle Verständnisfragen, mache Vorschläge zur Verbesserung und treffe Vereinbarungen. Das sind gute, sehr intensive Stunden. Wichtig wäre, nach ein paar Wochen noch einmal nachzufragen, ob die Vereinbarungen umgesetzt wurden und ob sie sich bewährt haben. Das geht in meinem Schulalltag noch oft unter, gestehe ich.

Warum sollten Schülerinnen und Schüler eigentlich regelmäßig die Chance erhalten, unseren Unterricht zu kritisieren? Zum einen ist es mir nicht möglich, allen Elementen meines Lehrerhandelns allein durch Selbstreflexion auf die Schliche zu kommen bzw. sie ins rechte Licht zu rücken. Manches Wichtige fällt meinem inzwischen erarbeiteten freundlichen Blick auf mich selbst zum Opfer. Bei manchen Aspekten bin ich dagegen offenbar zu selbstkritisch.
Zum anderen müssen gerade wir, die wir stetig beobachten, helfen, verbessern und bewerten, die Bereitschaft zeigen, uns kritisieren zu lassen, um an unserer eigenen Entwicklung zu arbeiten. Und zwar von eben den Jugendlichen, mit denen wir arbeiten. Ansonsten machen wir uns unglaubwürdig, üben lediglich eine Autorität qua Amt aus. Warum sollte für uns Lehrerinnen und Lehrer etwas Anderes gelten als für alle anderen Berufstätigen? Insbesondere angesichts der Tatsache, dass unseren Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit der Abstimmung mit den Füßen in der Regel nicht zur Verfügung steht.

Auch wenn es aufregend sein kann und man manches, was man über sich liest, nicht gern ansieht, ist es doch das Risiko wert. Denn das, was die Schülerinnen und Schüler in ihren Rückmeldungen immer wieder als ganz wichtig herausstellen, ist der Wunsch, von der Lehrkraft ernstgenommen zu werden. Und wie kann man das besser tun, als ihnen zuzutrauen, die eigene Arbeit kritisch zu analysieren, und auf dieser Basis an der eigenen Entwicklung zu arbeiten? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schülerinnen und Schüler das sehr wohl zu schätzen wissen. Man kann eigentlich nur gewinnen.

Der Kommentar, über den ich mich nach langer Zeit immer noch besonders freue, ist dieser: „Keep up your good work!“ Und das gar nicht so sehr, weil er mir eine gute Arbeit bescheinigt, sondern weil er erkennen lässt, dass auch im nicht gleichberechtigten Schüler-Lehrer-Abhängigkeitsverhältnis so etwas wie Gleichwertigkeit oder, wie Jesper Juul es ausdrückt, Gleichwürdigkeit herrschen kann.

Welche Schülerfeedbackrituale habt ihr?

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7 Antworten to “Einfach mal die Schüler fragen!”

  1. theo byland (@byland) said

    Danke für deinen Post!
    Was du schreibst, erinnert mich an die vielen, vielen Feedbacks, die ich auf diese Weise eingeholt habe. Ich bin vorgegangen wie du jetzt, habe die Texte allerdings während einer Schulstunde schreiben und mir abgeben lassen (um symbolisch deutlich zu machen: Dieser Prozess hat ebensoviel Gewicht wie eine „ernsthafte“ Lektion) – und habe gleichzeitig ebenfalls eine Art Rückschau zum Quartal/Semester/Schuljahr mit der entsprechenden Abteilung verfasst, welche ich Ende Stunde kopiert verteilt habe.
    Ich habe solche feedback-Stunden mindestens 1x pro Semester angesetzt, jedes Mal auf eine andere Art gestaltet – und bin, wie du, Mal für Mal begeistert gewesen, was da an differenzierten, präzisen Beobachtungen, Erlebnissen, Vorschlägen geäussert wurde.Und die anschliessenden Besprechungen waren ausnahmslos ergiebig, meist auch witzig, inspirierend und konstruktiv.
    Ich kann nicht verstehen, wie eine Lehrperson freiwillig auf eine solche Chance verzichten will! (In meinem Schulhaus war es die riesengrosse Mehrheit…)
    PS: Viel profitiert habe ich auch, wenn ich ab und zu von den Schüler/-innen (m)einen typischen Stundenbeginn habe spielen lassen…. Die ersten drei Minuten….

    • La said

      Vielen Dank für deine wie immer wertvollen Anregungen!
      Ich lasse die SuS ihre Feedbacks zuhause (als HA) verfassen, weil sie dort in Ruhe nachdenken und ihre Texte tippen können. Ich kenne die Handschriften in der Regel recht schnell. Und Anonymität muss gewährleistet sein, um ehrliche Feedbacks zu erhalten.
      Das Kopieren und Verteilen der Auswertung finde ich eine gute Idee. Das übernehme ich.
      Eine tolle Idee, die SuS den Anfang der Stunde nachspielen zu lassen! Erfordert aber sicher ein großes Vertrauen seitens der SuS. Ich erlebe ähnliche Effekte allerdings beim LdL. Da denke ich dann manchmal, wenn ich die SuS agieren sehe: Aha, so nehmen uns die SuS also wahr bzw. so treten wir auf!
      Wenn LuL die Chance des Feedbacks durch ihre SuS nicht nutzen, hat das m.E. entweder mit Ängsten oder mit einem anderen Rollenbild zu tun.

  2. apanat said

    „Wenn LuL die Chance des Feedbacks durch ihre SuS nicht nutzen, hat das m.E. entweder mit Ängsten oder mit einem anderen Rollenbild zu tun.“ – Bestimmt mit beidem, und das ist oft aus Erfahrung erwachsen.
    Man muss schon sehr gut sein, wenn man nach 30 Jahren Unterrichtserfahrung keine Lerngruppe hatte, bei der das Feedback nicht eher zu gegenseitiger Frustration führte. Die 1 in Weitspucken (feuchte Aussprache), die ich mir mal eingehandelt habe, dagegen zähle ich zu den nützlichen Infos, die man über Selbstbeobachtung allein meist nicht leicht herausfindet.

    • La said

      Feedback von SuS einzuholen, ist sicher nicht immer nur beglückend. Aber haben wir denn eine Alternative? Vielleicht ist es dann eher empfehlenswert, an der eigenen Haltung gegenüber den Kommentaren der SuS zu arbeiten, d.h. zu prüfen, was ist dran an der Kritik und was kann/will ich ändern? Und/oder die Ursachen für die (gegenseitige) Kritik zum Thema einer Metadiskussion zu machen. Bedeutet allerdings natürlich auch nicht, dass alle Konflikte immer vollständig auflösbar sind,

  3. […] ich dann meine eigenen Schüler habe (bald!), will ich das mit dem Schülerfeedback auch so ausprobieren. Keine Fragebögen, sondern freies […]

  4. Ich möchte meinem allergrößten Respekt Ausdruck verschaffen, dass Sie in der geschildert aufwendigen Form für ein Feedback der Schüler Sorge tragen und deren Beiträge auf der ganzen Linie ernst nehmen.

    Ich begegne in meiner Tätigkeit gar zu oft frustriert und resigniert auftretenden Schülern, die nie und nimmer auf die Idee kämen, ihre Beobachtungen und Wünsche zum Unterrichtsgeschehen Lehrkräften gegenüber zur Sprache zu bringen. Gelingt es mir doch einmal, sie zu einer Stellungnahme zu ermutigen, passiert nicht selten genau das, was von den jungen Leuten vorab als Befürchtung geäußert wurde. Mit entsprechend unerfreulichen Auswirkungen auf das zukünftiges Verhalten der jungen Leute im Unterricht.

    Zumindest an vielen Münchner Gymnasien lässt die Schüler-Lehrer-Kommunikation doch einige Wünsche offen. Da vermittelt das Stöbern in Ihrem Blog den Eindruck, dass in Deutschland auch anderes möglich zu sein scheint, als das von hier Gewohnte.

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