Anspruchsvoll

2. Februar 2013

Kann es gelingen, mit LehrerInnen über das Thema Ansprüche zu sprechen? Nun, es ist zumindest ein gewagtes Unternehmen.

LehrerInnen, die den zentralen Satz der Ermutigungspädagogik „Ich bin ich und so, wie ich bin, bin ich gut genug“ zum ersten Mal hören, zeigen in der Regel zwei Arten von Reaktionen: Sie sind entweder erstaunt oder kritisch. Während es für Erstere unglaublich erleichternd klingt zu hören, dass sie sich gar nicht so furchtbar anstrengen müssen, um zu genügen, fürchten Letztere ein selbstzufriedenes Zurücklehnen, den Stillstand von Entwicklung.

Und es erscheint gar nicht verwunderlich, dass einem diese Reaktionen gerade im System Schule begegnen. Schließlich geht es hier vorrangig um Leistung und ihre Bewertung. Davon können auch wir uns als LehrerInnen kaum freimachen. Wer wären wir denn, wenn wir plötzlich unsere Ansprüche an andere und an uns selbst in Frage stellten?

Ansprüche sind ja für sich genommen noch nicht problematisch. In dem Maße, in dem sie uns in Bewegung versetzen und uns zur persönlichen Weiterentwicklung motivieren, sind sie sehr wohl nützlich und bedeuten einen Beitrag zur Gemeinschaft. Wenn Ansprüche aber so weit gehen, dass man sich selbst seine Fehler nicht mehr verzeihen kann, weil man diese als Ausdruck der eigenen Wertlosigkeit versteht, wird es schwierig. Wer nach Perfektion strebt, setzt sich selbst einem ungeheuren Druck aus, der nicht selten zum Gegenteil des Erstrebten führt.

Man kann diesen Mechanismus im System Schule häufig beobachten. An SchülerInnen, die sich lieber nicht beteiligen, als das Risiko einzugehen, etwas Falsches zu sagen, weil das zu einer schlechteren Bewertung führen kann und nicht selten auch tut. Oder an LehrerInnen, die sich nicht an etwas Neues heranwagen, weil sie Fehler und Scheitern um jeden Preis vermeiden wollen. Und dieser Preis ist enorm hoch: Statik.

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Gerade Schule braucht aber die Möglichkeit des Erlebens von explorativem Verhalten – für SchülerInnen wie für LehrerInnen. Voraussetzung dafür ist ein positives Selbstkonzept mit einem gesunden Maß an Mut zur Unvollkommenheit. Und das ist nicht gleichzusetzen mit eitler Selbstzufriedenheit. Es bedeutet, die eigenen Stärken so gut zu kennen, dass das daraus resultierende Selbst-Vertrauen das notwendige Fundament für die Arbeit am persönlichen Entwicklungspotenzial darstellen kann. Dann nämlich, NUR dann wirken persönliche Ansprüche auch als konstruktiver Beitrag zur Gemeinschaft.

Wie wäre es also, wenn wir als LehrerInnen damit anfingen, unseren SchülerInnen die Kunst des Wahrnehmens persönlicher Stärken vorzuleben sowie einen friedlichen Umgang mit Fehlern und Schwächen, den Theo Schoenaker in dem Satz zusammenfasst:

„Nimm’s ernst, aber mach’s nicht so wichtig!“

Lektüreempfehlung: Theo Schoenaker, Mut tut gut. Das Encouraging-Training, Sinntal / Züntersbach 2000.