Ampel der Achtsamkeit

2. März 2013

Ein typischer Schulvormittag könnte aus LehrerInnensicht so aussehen:

7:30 Ankunft in der Schule, Blick ins Fach: Konferenzeinladung und dringende (!) Anfrage für ein Elterngespräch, Tee für die große Pause aufsetzen…
7:40 Anstehen in der Kopierschlange und hoffen, dass der Kopierer keinen Papierstau hat…
7:55 Erste Unterrichtsstunde: müde SchülerInnen für Kafka und Textanalyse begeistern – ein Kinderspiel in der dunklen Jahreszeit!
8:40 In der 5-Minuten-Pause in das Nebengebäude flitzen…
8:45 Russische Revolution in Klasse 9: Wer war nochmal Marx?
9:30 Große Pause: feststellen, dass man die Teebeutel im inzwischen teerschwarzen Tee vergessen hat, KollegInnengespräche, AG-Terminierung, Beamer buchen, Schülerfragen beantworten – Tee ist kalt…
9:50 Vertretungsstunde: sich mit Rechtschreibübungen bei unbekannten SchülerInnen beliebt machen…
10:35 Schülerknäuel erschweren den Weg zum nächsten Klassenraum…
10:40 Darstellendes Spiel mit 25 Pubertierenden…
11:25 Pausenaufsicht…
… to be continued…

Dies wird kein Jammerbeitrag. Selten, das wird deutlich, ist es im Schulalltag langweilig. Und wer nachmittags keine Präsenzpflicht in der Schule hat, handelt eben vormittags ab, was es persönlich zu klären gilt. Und vieles hängt auch von einer guten Selbst-Organisation ab. Aber wenn man nach dem Schulvormittag nach Hause fährt und nicht einmal mehr schöne Musik zur Entspannung hören möchte, wenn es im Ohr undefinierbar rauscht, während man an der roten Ampel wartet, dann ist es vielleicht Zeit, darüber nachzudenken, wie sich der Schulalltag achtsamer bewältigen lässt.

20130302-164341.jpg

Das Bild der Ampel ist eine wunderbare Achtsamkeitshilfe. Man kann im Lauf des Alltags immer mal wieder kurz innehalten und prüfen, welches Licht die persönliche Ampel gerade zeigt. Für Menschen, die dazu neigen, sich zu überfordern, ist es besonders wichtig, bereits das gelbe Licht wahrzunehmen, damit sie nicht bei Rot plötzlich gezwungen sind, eine Vollbremsung einzulegen. Im Zen-Buddhismus ist die Glocke der Achtsamkeit ein verbreitetes Ritual zum Innehalten und achtsamen Wahrnehmen. Nicht nur die Glocke eines Klosters, sondern jedes Alltagsgeräusch kann zur persönlichen Achtsamkeitserinnerung werden. In der Schule herrscht – so viel ist zumindest klar – an Geräuschen, die sich zu diesem Zweck anböten (wie z.B. das Stundenklingeln), kein Mangel.

Aber wie macht man das? Wie kann man sich eine Mini-Auszeit in dem oft hektischen, getakteten Schulalltag nehmen, der so wenig Raum für individuelle Bedürfnisse bietet? Oft reicht es schon, sich selbst genau wahrzunehmen. Festzustellen, dass man sich jetzt im gelben Bereich befindet, dass man gerade nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Und ein paar Mal bewusst ein- und auszuatmen. Es gibt auch wunderbare Apps, die u.a. drei Minuten angeleitetes Atmen anbieten. Und ganz wichtig: persönliche Bedürfnisse wahrnehmen und verhandeln. Wenn SchülerInnen oder KollegInnen „eben mal schnell“ etwas klären wollen, ihnen ggf. einen anderen Zeitpunkt vorschlagen, der besser passt. Damit könnten wir sogar unseren SchülerInnen eine Orientierung bieten und eine Basiskompetenz vermitteln, die ihnen dabei hilft, selbst möglichst lange bei grüner Welle zu fahren.

Vielleicht lässt es sich auf diese simple Formel bringen: AAA
Ampel – Achtsamkeit – Atmen

Lektüreempfehlung: Jon Kabat-Zinn: Im Alltag Ruhe finden, Knaur TB 2010.

Advertisements

Eine Antwort to “Ampel der Achtsamkeit”

  1. der Malte schreibt said

    Hallo Corinna,
    nach Monaten schaue ich mal wieder hier rein und sehe, dass du immer noch dabei bist! Prima, weiter so!

    Gruß, Malte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s