Flipped Classroom im Deutschunterricht?

11. November 2013

„Es klingelt gleich. Und als Hausaufgabe schreibt ihr dann die Erörterung so, wie wir es in dieser Stunde besprochen haben.“

Diesen oder ähnliche Sätze kennen alle Schülerinnen und Schüler aus dem Deutschunterricht, weil alle ihre Lehrerinnen und Lehrer sie mehr oder weniger gern verwenden. Es erscheint ja auch sinnvoll, die große Schreibaufgabe, die man vor der Klassenarbeit mehrmals eingeübt haben muss, in den Nachmittag zu verlegen, weil ihre Bearbeitung in der Regel länger als 45 Minuten dauert und weil doch die Kompetenz der Lehrkraft unbedingt dazu genutzt werden sollte, den Stoff zu vermitteln. So haben wir’s gelernt.

Schon oft bin ich über das u.a. von Christian Spannagel im Hochschulbereich praktizierte Konzept des Flipped Classroom gestolpert und habe mich gefragt, ob man das nicht auch im Deutschunterricht sinnvoll anwenden könnte. Und ich habe die Erfahrung gemacht: Ja, kann man – und das sogar mit großem Gewinn!

Ob Rechtschreibregeln oder Aufsatzformen: Die Deutschbücher vermitteln die Grundlagen in der Regel durchaus systematisch, so dass man diese je nach Altersstufe zu Hause von den Schülerinnen und Schülern erarbeiten lassen könnte, um die Stunde dann für das Einüben zu nutzen. Im Aufsatzunterricht würde das bedeuten, den Aufsatz statt zu Hause in der Stunde zu schreiben, zumindest in der Stunde mit dem Schreiben zu beginnen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Die didaktischen Lernschwierigkeiten, also das, wofür man die Kompetenz der Lehrkraft wirklich braucht, liegen im Deutschunterricht ja selten im theoretischen Aufbau des Aufsatzes, sondern in der praktischen Umsetzung der Vorgaben, eben im Schreiben. Oft ist der Anfang besonders schwer oder es tun sich beim Schreiben Probleme auf, die den Schülerinnen und Schülern in der Vermittlung der Merkmale der Aufsatzform gar nicht bewusst geworden sind. Wie gut, wenn da die Lehrkraft in der Nähe ist, um einem über die individuelle Lernhürde hinwegzuhelfen, oder wenn man die MitschülerIn fragen kann, wie sie mit dem Problem umgeht. Nicht selten ist es Schülerinnen und Schülern in der Schule sogar eher als zu Hause möglich, konzentriert schreibend zu arbeiten, weil im Klassenraum kein Handy oder Fernsehen stören kann. Für andere hingegen, auch das sei gesagt, wirkt die Anwesenheit so vieler anderer Menschen im Raum eher hinderlich für die Konzentration.

Auch wenn es keine Patentlösung für alle gibt und zu absolute Konzepte immer fragwürdig sind:
Die Methode des Flipped Classroom bietet als Alternative im Deutschunterricht immerhin die Möglichkeit für mehr individuelle Förderung und konzentrierte Schreib- und Ruhephasen – vielleicht sogar eine kreative Oase im oft sehr hektischen Schulalltag?!
Welche Erfahrungen habt ihr / haben Sie damit im Deutschunterricht gemacht? Was hat gut funktioniert und wie könnte man diese Idee noch weiter ausbauen? Kommentare oder Pingbacks sind sehr erwünscht!

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7 Antworten to “Flipped Classroom im Deutschunterricht?”

  1. Das klingt sinnvoll! Fraglich ist allerdings trotzdem, ob das Anlesen von Regeln usw. im Vorhinein sinnvoll ist oder man diese nicht auch besser gemeinsam erarbeitet. Im Übrigen gebe ich dir bzgl. deiner Kritik von „Patentlösungen“ vollkommen recht. Ich bestehe auch immer sehr vehement darauf, dass der Flipped Classroom eine (!) unter vielen (!) Methoden ist und das Methodenrepertoire somit um eine weitere Methode erweitert (!).

    • La said

      Ja, da stimme ich zu: Wann und wo man die Voraussetzungen für die Schreib-/ Übungsaufgabe erarbeitet, kann und sollte man sicher je nach Thema variieren.

  2. Byland said

    Gerne stimme ich dir beim wesentlichen Punkt zu: die Schüler/-innen den Aufsatztext zuhause zumindest weiterschreiben zu lassen. Der sogenannte Aufsatzuntericht ist ja eine Crux. Denn er produziert Texte, welche für die Schule, die Bewertung etc geschrieben sind, die in einen Rahmen passen müssen (Textsorten) und infolgedessen kaum je wirklich „gut“ sind. Umso weniger, wenn sie innerhalb einer festgesetzten Zeit und an einem vorgegebenen Ort verfasst werden müssen. Das alles lädt die Inspiration nicht grad an den Tisch, und ihre Schwester, die Kreativität, schon gar nicht.
    Ergo plädier(t)e ich dafür:
    – Im Unterricht freies Schreibtraining in Atelierform anbieten (wo die LP als Schreibcoach zur Verfügung steht, falls gewünscht) – mit der Möglichkeit, die produzierten Texte von Mitschüler/-innen kommentieren zu lassen. Das geht prima, wenn man eine virtuelle Plattform dafür einsetzt, z.Bsp. BSCW: Jede Schülerin kommentiert mindestens einen Text; damit alle Texte kommentiert werden, weist die LP diese ihren SuS zu. [Siehe meinen Aufsatz „Dialogisches Lernen….“ dazu unter http://www.tbyland.ch/?page_id=17%5D
    – Die Aufsatz-Anlässe in Zeitfenstern über das Semester verteilt ansetzen, so dass die Möglichkeit gegeben ist, die Texte zuhause zu verfassen.
    – Das sogenannte Regelwerk mit denjenigen im Unterricht besprechen, die das wünschen – und die anderen ihre Verantwortung wahrnehmen und es zuhause erarbeiten lassen.
    So ist Gewähr geboten, dass es flippt!

    • La said

      Vielen Dank für deine Gedanken und Anregungen! Aufsatzunterricht kann man sicher grundsätzlich kritisieren und dabei würden mir auch die Argumente einfallen, die du ansprichst. Allerdings sind ja Aufsätze nicht nur Ausdruck von Kreativität und Inspiration, sondern stellen dar und weisen nach eine Kompetenz beispielsweise zum schriftlichen abwägenden Umgang mit Argumenten bis zum Fällen einen eigenständigen Urteils oder zum analytischen Erschließen fiktionaler oder pragmatischer Texte. Das finde ich auch wichtig. Und in diesem Sinne sind Texte von SuS nicht selten richtig gut, manche sogar überaus beeindruckend – nicht nur im technischen Sinn.

      Für viele SuS besteht eine besondere Schwierigkeit beim Schreiben dieser Art von Aufsätzen darin, den Anfang zu finden. Es handelt sich dabei meiner Erfahrung nach weniger um eine kreative als vielmehr um eine technische Lernbarriere. Hat man diese mit der Unterstützung der MitschülerInnen oder der LehrerIn erst einmal überwunden, fällt der Rest dann nicht mehr so schwer und kann zu Hause allein bewältigt werden. Das bedeutet für viele SuS – so erlebe ich es – doch eine große Hilfe. Man steht nicht allein vor dem großen Berg, der das Verfassen eines Aufsatzes für einen bedeuten kann.

      Richtig und wichtig finde ich allerdings auch, kreativen Schreibformen im Deutschunterricht mehr Bedeutung einzuräumen.

      Die dialogische Verständigung über SuS-Texte versuche ich analog mit der Portfolio-Arbeit zu erzielen. Im Rahmen dieser Methode erfolgen Rückmeldungen zu eigenen und fremden Texten nicht nur durch die LehrerIn, sondern auch durch die MitschülerInnen.

  3. Byland said

    Ich verstehe dich sehr gut und teile deine Auffassungen voll und ganz. Ich wollte vermutlich einfach – ganz banal – wieder mal darauf hinweisen, dass Schule, auch mit den best möglichen „Lernumgebungen“ und den anregendsten „komplexen Lehr-Lern-Arrangements“, etwas nicht schaffen kann: Die SuS ihre Lernwege noch freier bis ganz frei gestalten zu lassen. Deshalb habe ich geschrieben, dass Aufsatztexte – auch sie – so etwas wie entfremdete Arbeit darstellen und in DIESEM Sinne kaum je „gut“ sein können, da sie nur selten von sich her (also von den SuS) ausgelöst werden, sondern „Aufgabe“ von jemand anderem sind.

    Wesentlich scheint mir aber, dass die LP sich dessen bewusst ist. Und das ist hier ja im allerbesten Sinne der Fall!

  4. […] Flipped Classroom im Deutschunterricht? [mutigeschule] […]

  5. […] zu klären. Angewendet wird diese Unterrichtsform z. B. in den Fächern Chemie, Mathematik, Deutsch und […]

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