Wieder einmal liegen die Rückmeldungen meiner Schülerinnen und Schüler zu meinem Unterricht vor mir. Und wieder einmal denke ich: Was ginge mir verloren, holte ich dieses Feedback nicht ein! Auch wenn ich meine Rückmelderoutine im Artikel Haltungsnote grundsätzlich schon beschrieben habe, möchte ich das hier ein bisschen näher ausführen.

Was die anonymen (getippten) Rückmeldungen zeigen: Die Schülerinnen und Schüler sind echte Experten in Bezug auf die Analyse von Unterricht. Kein Wunder, erleben sie doch täglich eine Menge davon mit unterschiedlichen Lehrkräften in vielen Fächern. Natürlich fehlt ihnen die Fachterminologie, aber sie erfassen ganz genau, was wie wirkt, und formulieren das dann in ihren eigenen Worten.

Ich verzichte bewusst auf Feedback per standardisiertem Fragebogen. Damit gehe ich das Risiko ein, dass mein Unterricht nicht in der ganzen Bandbreite erfasst wird. Außerdem erhalte ich eben Einzelaussagen, die kaum verallgemeinerbar sind. Ich versuche diesem Problem zumindest dadurch Rechnung zu tragen, dass ich mit den Schülerinnen und Schülern vorher mögliche zu analysierende Unterrichtsaspekte wie z.B. Wirksamkeit, Methodik, Lehrerverhalten, Bewertung etc. bespreche.

Ich möchte aber einfach nicht auf die individuellen Äußerungen der Schülerinnen und Schüler verzichten, die sich zu Hause häufig sehr viel Mühe bei der Formulierung geben. Manche gestalten das als Tabelle, die Stärken und Schwächen meines Unterrichts auflistet. Andere verfassen einen Brief, der ihre Beobachtungen, Bewertungen und Empfehlungen zusammenfasst. Was in der Regel allen Rückmeldungen gemein ist: Sie sind glasklar. Und potenziell ermutigend. Sie weisen nämlich deutlich aus, was gelingt und was die Schülerinnen und Schüler warum schätzen. Und sie benennen, ohne darum herumzureden, was sich ihrer Meinung nach wie verbessern müsste. Sind wir Lehrende in unseren Rückmeldungen eigentlich immer ebenso klar?

Nachdem ich das Schülerfeedback gesichtet habe, werte ich es nach Aspekten gegliedert aus und stelle die Ergebnisse der Lerngruppe vor. Ich kommentiere sie, ordne sie ein, erkläre meine Beweggründe, stelle Verständnisfragen, mache Vorschläge zur Verbesserung und treffe Vereinbarungen. Das sind gute, sehr intensive Stunden. Wichtig wäre, nach ein paar Wochen noch einmal nachzufragen, ob die Vereinbarungen umgesetzt wurden und ob sie sich bewährt haben. Das geht in meinem Schulalltag noch oft unter, gestehe ich.

Warum sollten Schülerinnen und Schüler eigentlich regelmäßig die Chance erhalten, unseren Unterricht zu kritisieren? Zum einen ist es mir nicht möglich, allen Elementen meines Lehrerhandelns allein durch Selbstreflexion auf die Schliche zu kommen bzw. sie ins rechte Licht zu rücken. Manches Wichtige fällt meinem inzwischen erarbeiteten freundlichen Blick auf mich selbst zum Opfer. Bei manchen Aspekten bin ich dagegen offenbar zu selbstkritisch.
Zum anderen müssen gerade wir, die wir stetig beobachten, helfen, verbessern und bewerten, die Bereitschaft zeigen, uns kritisieren zu lassen, um an unserer eigenen Entwicklung zu arbeiten. Und zwar von eben den Jugendlichen, mit denen wir arbeiten. Ansonsten machen wir uns unglaubwürdig, üben lediglich eine Autorität qua Amt aus. Warum sollte für uns Lehrerinnen und Lehrer etwas Anderes gelten als für alle anderen Berufstätigen? Insbesondere angesichts der Tatsache, dass unseren Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit der Abstimmung mit den Füßen in der Regel nicht zur Verfügung steht.

Auch wenn es aufregend sein kann und man manches, was man über sich liest, nicht gern ansieht, ist es doch das Risiko wert. Denn das, was die Schülerinnen und Schüler in ihren Rückmeldungen immer wieder als ganz wichtig herausstellen, ist der Wunsch, von der Lehrkraft ernstgenommen zu werden. Und wie kann man das besser tun, als ihnen zuzutrauen, die eigene Arbeit kritisch zu analysieren, und auf dieser Basis an der eigenen Entwicklung zu arbeiten? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schülerinnen und Schüler das sehr wohl zu schätzen wissen. Man kann eigentlich nur gewinnen.

Der Kommentar, über den ich mich nach langer Zeit immer noch besonders freue, ist dieser: „Keep up your good work!“ Und das gar nicht so sehr, weil er mir eine gute Arbeit bescheinigt, sondern weil er erkennen lässt, dass auch im nicht gleichberechtigten Schüler-Lehrer-Abhängigkeitsverhältnis so etwas wie Gleichwertigkeit oder, wie Jesper Juul es ausdrückt, Gleichwürdigkeit herrschen kann.

Welche Schülerfeedbackrituale habt ihr?