Eine der wichtigsten Anforderungen an uns LehrerInnen besteht wohl darin, unseren SchülerInnen gerecht zu werden. Keine leichte Aufgabe im Unterrichtsalltag mit Klassen, die aus vielen überaus unterschiedlichen (Lern-) Persönlichkeiten zusammengesetzt sind. Und so begibt man sich in dem Bewusstsein, wie schwierig es ist, dem eigenen Anspruch an eine gerechte Begleitung und schließlich auch Bewertung der SchülerInnen gerecht zu werden, nicht selten auf die Suche nach neuen Wegen.

Das Anliegen:

Portfolioarbeit ist einer dieser gar nicht mehr allzu neuen Wege: Die SchülerInnen stellen aus ihren im Unterricht angefertigten Arbeiten eine Auswahl zusammen und reflektieren diese bezüglich ihrer Stärken und Schwächen bzw. bezüglich des in ihnen erkennbar werdenden Lernprozesses mit Hilfe von vorgegebenen Formblättern, die ihnen die Reflexionsarbeit erleichtern und sie darin anleiten.

Die Durchführung:

Praktisch legen die SchülerInnen eine Portfoliomappe an, die in der Regel in der Schule verbleibt (z.B. im Klassenschrank). Die SchülerInnen können so jederzeit an ihren Portfolios arbeiten. So können auch Zeiten sinnvoll genutzt werden, in denen SchülerInnen eine Aufgabe schneller beendet haben als andere.

Von der LehrerIn brauchen die SchülerInnen klare Vorgaben und Kriterien, um in diesem selbstständigeren Arbeiten verlässlich erkennen zu können, was von ihnen erwartet wird. Je nach Zielsetzung der Portfolioarbeit können diese Vorgaben und Kriterien ganz unterschiedlich aussehen. Eine Vorgabe, die ich sinnvoll finde, lautet, aus jeder Unterrichtseinheit eine Arbeit einzustellen und an dieser den eigenen Lernprozess zu reflektieren. Ziel ist es, die SchülerInnen auf ihrem Lernweg durch das Schuljahr zu begleiten und für sie (und andere) am Ende sichtbar werden zu lassen, was sie konkret geschafft haben.

Anstatt die Portfolios am Ende des Schuljahres einzusammeln und zu kommentieren, habe ich mich dazu entschieden, laufend in die Portfolioarbeit Einsicht zu nehmen. Das geschieht bei uns so: Wenn eine SchülerIn ihre Mappe neu gefüllt hat, stellt sie sie in einen eigenen Ordner im Klassenschrank. Ich nehme die Mappen dieses Ordners regelmäßig mit, kommentiere ihre Einlagen mittels eines dafür vorgesehenen Formblatts und stelle sie dann in den Ordner mit der Aufschrift „Rückmeldung“. Da der Klassenschrank während des Unterrichts geöffnet ist, können die SchülerInnen die kommentierten Mappen jederzeit entnehmen und sich in Ruhe ansehen. Danach wandern sie in den Ordner „Portfolios“ und verbleiben dort, bis sie wieder frisch gefüllt werden. So kann ich rechtzeitig und individuell fördern und der Arbeitsaufwand für mich als LehrerIn bleibt in einem zu bewältigenden Rahmen.

Die Portfoliomappe als solche wird nicht benotet. Natürlich findet die im Portfolio erkennbare Leistung und Leistungsentwicklung Eingang in die Mitarbeitsnote. Das ist für die SchülerInnen nicht von Nachteil. Schließlich können SchülerInnen, die sich im Unterrichtsgeschehen eher zurückhalten, hier zeigen, was sie können. Lernschwierigkeiten laufen weniger Gefahr, übersehen zu werden, und können durch individuelle Fördermaßnahmen verringert werden.

Der Gewinn:

Es ist faszinierend zu beobachten, was bei dieser Methode geschieht, wenn man sich wirklich für das/die Arbeiten der SchülerInnen interessiert. Die SchülerInnen arbeiten mit vergleichweise hohem Eifer an ihren Portfolios. Nachdem sie anfangs erkennbar Schwierigkeiten hatten, ihre Arbeitsprozesse ergiebig zu reflektieren, haben sie sich nach der ersten Rückmeldung durch mich schnell daran gewöhnt. Die Mappen füllen sich regelmäßig und (wertschätzende und ehrliche) Rückmeldung scheint überwiegend erwünscht zu sein. Schön sind die Momente, in denen ich in alter Manier fieberhaft überlege, wie ich schnelleren SchülerInnen mehr Lernfutter geben kann, während sie mich daran erinnern, dass sie doch am besten an ihrem Portfolio arbeiten könnten. Ganz deutlich ändern sich durch die Portfolioarbeit die Gespräche über die Bewertung der SchülerInnen, also z.B. über Mitarbeitsnoten. Das Gespräch ist weniger von einem (ver-) urteilenden Charakter geprägt als vielmehr von einem dialogischen Austausch über Stärken und Schwächen sowie über individuelle Entwicklungsprozesse. Meiner Einschätzung nach tut dies allen Beteiligten gut.

Die Herausforderung:

Wie immer ist eine Methode im Unterricht nur dann erfolgreich, wenn sie aus Überzeugung etabliert und verlässlich durchgeführt wird. Halbherzigkeiten werden auch hier zu einem eingeschränkten Erfolg führen. Wenn die SchülerInnen meine Überzeugung als Lehrkraft nicht spüren oder ein nachlassendes Engagement meinerseits beobachten, wird sich das in ihrem Engagement und ihrer Ernsthaftigkeit widerspiegeln. Wer sich zu einer Arbeit mit Portfolios entscheidet, sollte sich vorher gründlich in das Thema eingearbeitet und diesen Entschluss mit allen Konsequenzen bewusst gefasst haben.

Das Fazit:

Portfolioarbeit ist nicht automatisch gleichbedeutend mit individualisiertem, selbstständigem Lernen, aber es ist ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Informationen für einen ersten Einblick:
http://www.portfolio-schule.de/

Lektüreempfehlung (mit Varianten, Mustern und Vorlagen):
Handbuch Portfolioarbeit