Haltungsnote

9. August 2012

Auf die Frage, wie ich meinen aktuellen Unterricht reflektiere, gibt es eine schnelle Antwort: Ich beobachte und sammele stetig Erkenntnisse, führe darüber aber nicht Buch.

Allerdings gibt es auch eine Reflexionsroutine. Nach zwei bis drei Monaten lasse ich in den Lerngruppen eine schriftliche und anonyme Evaluation durchführen, die ich zunächst selbst auswerte und dann gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern. Aus diesen Erkenntnissen können sich bei Bedarf konkrete Zielvereinbarungen ergeben, z.B. mehr Methodenmix, mehr Tafelbilder, gezieltere Rückmeldungen uvm. Das halte ich nicht nur in Hinblick auf die Verbesserung des Unterrichts für sinnvoll, sondern auch hinsichtlich der Entwicklung des Arbeitsklimas, weil die SuS sich dadurch ernst genommen fühlen und mitgestalten können.

So weit, so gut. Interessant wird es dann, wenn man sich überlegt, inwiefern man eigentlich seine eigene Haltung, sein Selbstverständnis als LehrerIn in die Selbstreflexion einbezieht. Wenn wir davon ausgehen, dass Schülerinnen und Schüler sich im Nachhinein nicht vornehmlich wegen der didaktisch-methodischen Gestaltung des Unterrichts an einen erinnern, dann verdienen Haltung und Selbstverständnis mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie Didaktik und Methodik.

Kritiker werden fragen: „Wozu überhaupt? Eine Haltung hat man, oder man hat sie nicht.“ Das mag grundsätzlich richtig sein. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich das Selbstverständnis als LehrerIn sehr wohl verändern oder – vielleicht besser – entwickeln kann. Wer sich im offenen und bewussten Austausch und Diskurs mit Anderen befindet, wird sich selbstverständlich neue Ideen und Erfahrungen aneignen. Darüber hinaus erscheint mir die Bewusstmachung der eigenen Haltung sehr wichtig, weil das die Wirkung verstärken kann.

Bliebe noch die Frage: Wie macht man das? Wie reflektiert man seine eigene Haltung? Welche Routine erscheint da sinnvoll?
Ich schlage dafür das Schuljahresende vor. Zum einen weil es gut tut, mit achtsamem Blick eine Rückschau zu halten, wenn man, wie in unserem Beruf üblich, regelmäßig etwas zu seinem Ende bringt. Zum anderen, weil es seine Zeit braucht, sich etwas so Existenzielles wie ein Selbstverständnis oder eine Haltung entwickeln zu lassen. Ständige Beobachtung und Hinterfragung können da eher kontraproduktiv wirken. Einmal im Jahr mag man sich dann aber vielleicht folgende Fragen stellen:

– Was ist/war mir als LehrerIn wichtig?
– Mit welchen Stärken und Qualitäten konnte ich zum Gelingen von Schule beitragen?
– Was habe ich Neues gelernt? Welche neuen Erfahrungen habe ich gemacht, die zu meiner Entwicklung beigetragen haben?

– Was bedeutet für mich Lernen/Bildung?
– Welches Bild habe ich von SchülerInnen (Eltern, SL, KollegInnen)? Hat sich diesbezüglich etwas verändert?
– Was möchte ich im kommenden Schuljahr Neues ansehen oder lernen?

Und abschließend eine ganz schöne Frage, die sich eigentlich immer lohnt:

Angenommen, ich wäre mutiger, dann würde ich…

Dieser Artikel stellt einen Beitrag zur Blogparade von @herrlarbig dar: Reflektierende Praktiker