Die Kunst des Lernens

3. Januar 2013

Ich kann nicht malen. Ich konnte es noch nie. Während meine MitschülerInnen mit Feuereifer die Anregungen der KunstlehrerInnen umsetzten und mühelos Kohlestriche, Schattierungen und Fluchtpunktperspektiven auf ihre Blätter zauberten, mühte ich mich mit wenig Freude und noch weniger Erfolg ab. Das war im Prinzip nicht wirklich schlimm. Ich konnte dafür Musik.

Und nun sitze ich in einem ganz und gar nicht künstlerischen Workshop und werde unfreiwillig an die Kunststunden meiner Schultage erinnert. Ich soll mit einem anderen Menschen zusammen ein Bild malen. Ohne zu sprechen. Ohne Motivvorgabe. Das ist die Aufgabe. Ein älterer Herr und ich machen uns gemeinsam ans Werk. Ich weiß von ihm, dass er seit seiner Jugend malt. Dass er viele Kurse belegt hat und dass er es liebt. Ich bin gespannt auf das, was kommen wird. Der Künstler lässt mir den Vortritt und überantwortet mir das noch nackte Blatt. Ich tunke den Pinsel in die fette, hellgrüne Farbe und male eine dicke Welle auf das Bild. Die Farbe ist schön. Mein Partner wirkt erstaunt. Er betrachtet das Bild eine Weile und beginnt dann zu malen. Ganz versunken. Er spielt, meine Welle ergänzend, mit Formen und Motiven und langsam entsteht eine Landschaft. Fasziniert beobachte ich, wie er mit den Farben experimentiert, wie er sie mit Wasser mischt und der Landschaft so eine durchlässige Tiefe verleiht. Ich tue es ihm gleich. Ich mische. Ich wische. Ich rücke ab. Ich übermale. Ich probiere aus. Und stelle fest: Es gelingt mir zumindest annähernd, meine inneren Bilder aufs Papier zu bringen. Immer wieder halten wir im Prozess inne, um interessiert zu beobachten, was der Andere tut. Es entsteht eine eigenartige Mischung aus kontemplativer Versenkung und aktiver Kollaboration.

Unwillkürlich muss ich daran denken, was passieren würde, wäre ich wieder im Zeichenunterricht. Mit viel Worten würde mir erklärt, wie ich den Pinsel zu halten hätte. Wie ich Farbeffekte erzielen könnte. Wie ich den Eindruck von Perspektivität erzeugen würde. Und vermutlich würde ich wertende Urteile zu hören bekommen: „Das ist schon ganz gut. Versuch’s doch mal mit einem anderen Pinsel.“ Und am Schluss gäbe es eine Note für das Ergebnis, das sich im Vergleich mit den anderen Bildern messen lassen müsste.

Hier höre ich: nichts. Ich beobachte und lerne unter kundiger, wenn auch absichtsloser Anleitung. Mit einem Menschen, der sich nicht im Mindesten als Lehrer geriert. In einer wohlwollenden, gleichwertigen und nicht bewertenden Atmosphäre. So betrachte ich das Ergebnis schließlich sogar ganz zufrieden. Und noch viel wichtiger: Ich merke, es bereitet mir Freude zu malen! Mir!

Welche Erkenntnisse gewinne ich daraus für das Lernen?
1. Sich in bewertungsfreien Räumen zu bewegen, bedeutet Sicherheit und wirkt ermutigend.
2. Eine Mischung aus kundiger Anleitung durch einen Lehrer und persönlichem Freiraum für die Lernenden erleichtert das Lernen.
3. Beobachtung, Nachahmung, Versuche, Fragen, Selbstreflexion und Selbstkorrektur sind elementare Bestandteile des Lernens.

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für den Kontext Schule?
1. Wie kann ich als Lehrerin im Rahmen des Unterrichts bewertungsfreie Räume schaffen und gleichzeitig Gerechtigkeit und Transparenz für die SuS gewährleisten? Schließlich muss ich am Ende des Halb-/Schuljahres eine angemessene, nachvollziehbare und justiziable Note geben.
2. Wie kann ich in diesen bewertungsfreien Räumen die intrinsische Motivation fördern? Oder steigt die dadurch vielleicht automatisch?
3. Wie kann ich das Prinzip Lernen durch Vorleben stärker im Schulalltag integrieren – und das auch im überwiegend kognitiven Gymnasialunterricht?
4. Wie kann ich als Lehrperson so agieren, dass ich den SuS mehr Möglichkeit zur Exploration biete und gleichzeitig kompetente Anleitung gewährleiste?

Postskriptum: Man hat später über unser gemeinsames Bild gesagt, man könne gar nicht erkennen, dass zwei Menschen daran gearbeitet hätten. Es erscheine wie aus einem Guss.