Die Klasse als Netzgemeinde – eine Vorstellung, die mich seit einiger Zeit beschäftigt. Vieles wird diskutiert, was Bildung besser machen soll. Nicht alles überzeugt mich. Ebenso plausibel wie notwendig erscheint mir allerdings der Ansatz, starre Kommunikationsstrukturen in der Klasse aufzulösen. Kommunikation, die immer über die LehrerIn läuft oder durch diese straff gelenkt wird, verschenkt zu viel Potenzial. Gelingt es aber, die SchülerInnen auch im herkömmlichen Unterricht stärker miteinander interagieren zu lassen, bietet man ihnen die Möglichkeit zu diversifizierterem Lernen.

Wie aber wird aus einer Klasse eine Netzgemeinde?

Eine digitale Möglichkeit bietet das Unterrichtsgespräch 2.0.
Aber es geht auch mit analogen Mitteln. Ganz einfach sogar.

Ich besuche mit einer Klasse eine Gedenkstätte, die die SchülerInnen tief beeindruckt und sehr beschäftigt. Eine Nachbereitung im Unterricht erscheint dringend erforderlich. Aber wie gestaltet man die sinnvoll? Es wäre einfach, in einem herkömmlichen Unterrichtsgespräch Rückmeldungen über die Wirkung des Besuchs zu erfragen und diskutieren zu lassen. Was mich davon Abstand nehmen lässt, ist das bekannte Defizit des Unterrichtsgesprächs: Einige SchülerInnen werden sich aktiv beteiligen. Von den anderen weiß ich nicht, was sie beschäftigt. Stattdessen möchte ich in kürzester Zeit und mit einfachsten Mitteln Information und Interaktion in der Klasse ermöglichen.

Ich versuche dies: Jede SchülerIn erhält ein DIN-A3-Blatt, auf das sie/er notiert, was sie/ihn nach dem Besuch noch beschäftigt. Das kann eine Frage oder eine Erkenntnis sein. Im Anschluss legen alle SchülerInnen ihre Blätter auf ihre Tische und gehen im Raum umher, um sich die Beiträge der MitschülerInnen in Ruhe durchzulesen. Mit einem Stift können sie ihre jeweiligen Kommentare oder Antworten mit Angabe ihres Namens auf den Blättern der Anderen notieren. Als Lehrerin gehe ich ebenfalls herum. Das ermöglicht mir zum einen zu erfahren, welche Fragen die SchülerInnen noch haben, und zum anderen kann ich selbst Kommentare auf den Blättern ergänzen. Dabei vermeide ich es in der Regel, Antworten zu liefern, stattdessen notiere ich lieber eine Frage, die sich inhaltlich an den Gedanken der SchülerIn anschließt und zum Weiterdenken anregt. Am Ende der Stunde hat jede SchülerIn ein Blatt vor sich liegen, das viele Kommentare und Anregungen zu ihrem/seinem Ursprungsgedanken enthält. In einigen Fällen entwickeln sich sogar komplexe Dialoge auf den Blättern. Wer glaubt, dieses Vorgehen führe automatisch zu großer Unruhe in der Klasse, täuscht sich. In dieser Stunde wird sehr konzentriert gearbeitet. Der Klassenraum wird zur Wandelhalle, in der annähernd 30 SchülerInnen ruhig umhergehen, um interessiert zu lesen, was ihre MitschülerInnen geschrieben haben. Manche setzen sich kurz, weil sie ihren Kommentar in Ruhe auf das Blatt schreiben möchten.

Wenn schon Netzgemeinde, warum nicht gleich in digitaler Form, mag man sich fragen. Nun, nicht jede Schule verfügt über eine ideale technische Ausstattung. In diesem Fall hat mich auch das Thema dazu veranlasst, die analoge Form zu wählen. Die Eindrücke sind überaus persönlicher Art und haben im Schutz des Klassenraums zu verbleiben. Dementsprechend sollten auch die Interaktionen gestaltet werden. Die SchülerInnen lesen gemeinsam und schreiben das, was sie über ihre Eindrücke zu sagen haben, mit der Hand auf. Altmodisch mag das anmuten, aber nicht immer ist das Digitale die beste Wahl und im Zweifel vertraue ich dem pädagogischen Instinkt.

Diese Methode ist universell einsetzbar. Sie bietet sich überall dort an, wo einem die individuellen Beiträge ALLER SchülerInnen unverzichtbar erscheinen, beispielsweise bei der Abfrage von Lektüreeindrücken im Deutschunterricht. Sinnvoll kann zum Abschluss der Stunde auch ein kurzes herkömmliches Unterrichtsgespräch sein, das einige wichtige Fragen / Aspekte noch einmal im Plenum diskursiv aufgreift. Und spätestens hier zeigt sich dann die Leistung dieser Methode: ein höchst vielschichtiges und differenziertes Lernergebnis, das die LehrerIn niemals allein hätte planen können.

Bei der Reflexion der Funktionalität dieser Methode fallen in der Lerngruppe folgende Urteile: „Das ist irgendwie wie Facebook ohne Facebook.“
Und: „Das ist die maximale Meinungsschöpfung.“
Eine analoge Netzgemeinde eben.