Besser scheitern

15. April 2013

Wer zur Bildungs-Unkonferenz „Educamp“ fährt, die am vergangenen Wochenende als #echh13 in Hamburg tagte, tut das in der Regel, um sich Anregungen zu holen und sich zu vernetzen. Um neue Tools und ihre Anwendungsmöglichkeiten kennen zu lernen, um die eigene Arbeitswelt an die Bedingungen der Digitalität heranzuführen oder um an der Entwicklung eines neuen Lembegriffs mitzuwirken. Kurz: um BESSER zu werden. Das ist wunderbar. Keine Frage.
Vielleicht ist aber gerade eine solch innovative Zusammenkunft der Ort, um über das überall zu beobachtende Prinzip des „Höher – Schneller – Weiter“ nachzudenken, das nicht nur beflügelt, sondern auch Kraft raubt und das den nicht unbedeutenden Druck ausübt, stetig und natürlich ohne Rückschläge BESSER zu werden. Vielleicht ist es an der Zeit, sich über eine konstruktive Fehlerkultur und einen gestalterischen Umgang mit persönlichen Schwächen auszutauschen. Und vielleicht brauchen wir heute mehr denn je gute Vorbilder im Scheitern.

Die Session mit dem Titel „Besser scheitern“ hat den Versuch gestartet, positive Vor-Bilder im Scheitern zu entwickeln. Um es vorwegzunehmen: Es war kompliziert. Weil wir, so wurde deutlich, nämlich wirklich in dem Spannungsfeld zwischen Anspruch und Unvollkommenheit stehen – gerade als LehrerInnen. Der Spielraum zwischen diesen Polen ist nicht allzu groß. Was wir in der kurzen Zeit erreichen konnten, ist eine Sensibilisierung für das Thema, eine Auslotung des Spannungsfeldes und Ansätze für Handlungsmöglichkeiten, wie der Versuch einer Auswertung der Ergebnisse der Session, die ich durch Eigenes frei ergänze, zeigen mag.

1) Der Gegenstand (oder: Die Sachdimension)

Was sind eigentlich „Fehler“? Schaut man in andere Sprachen („mistake“, „erreur“, …) wird deutlich, dass hinter dem Begriff ganz unterschiedliche Vorstellungen stehen: ein Irrtum, ein Versäumnis, etwas Falsches, etwas Unbedachtes, eine Verfehlung. Und sind dann Schwächen etwas Weitreichenderes im Vergleich zu Fehlern? Beiden gemeinsam ist eine Aussage oder ein Verhalten, das abweicht von dem, was als richtig, angemessen oder wünschenswert gilt.

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2) Der Prozess (oder: Die Zeitdimension)

Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Fehlern und Schwächen ist, dass man den Fehler / die Schwäche als solche erkennt. Unmittelbar nach der Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, stellen sich unangenehme Gefühle ein: Ärger vielleicht, Verunsicherung oder sogar Scham. Diese Gefühle wahrzunehmen, ohne deren Opfer zu werden, ist vielleicht einer der Schlüsselpunkte des Prozesses, um wieder zur GestalterIn der Situation werden zu können. Jetzt gilt es nämlich, die Folgen für einen selbst und das Umfeld abzuschätzen, den Fehler falls nötig und möglich zu korrigieren oder die Folgen zu minimieren. Schadensbegrenzung.

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Für die persönliche Entwicklung ist es wichtig, den Fehler anschließend bezüglich seiner Ursachen zu analysieren, woraus sich erhellende Erkenntnisse über einen selbst ableiten lassen: War man unwissend, überfordert oder unvorsichtig? Sich selbst als fehlbares Wesen anzuerkennen und mit dem Mut zu Unvollkommenheit zu leben, bedeutet schließlich nicht, sich Entwicklungsmöglichkeiten generell zu verweigern.

3) Das Umfeld und ich (oder: Die Sozialdimension)

Der konstruktive Umgang mit Fehlern und Schwächen hängt in hohem Maß von einem positiven Selbstkonzept ab. Das ist nichts Neues. Dieser Gedanke tauchte dann auch schnell in unseren Vor-Bildern auf. Schwieriger erschien die Frage, wie sich das denn konkret herstellen lässt. Gerade die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, kann eine hinreichend hohe Selbstakzeptanz von einer Sekunde zur anderen ins Wanken bringen. Hier ist der stetige wertschätzende Blick auf die Dinge gefragt, die einem gelingen und die häufig als selbstverständlich hingenommen werden.

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Das Gefühl der Scham, das sich bei der Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, häufig einstellt, lässt sich ebenfalls in diesen Kontext einordnen. Hier spielt nun das Umfeld eine größere Rolle: Werden wir wohl weiterhin anerkannt und geschätzt, wenn die Anderen bemerken, dass wir fehlerhaft sind? Sich mit Anderen über Fehler und den konstruktiven Umgang mit ihnen auszutauschen, kann sehr hilfreich sein, zur Enttabuisierung des Themas führen und Freiräume schaffen. Allerdings ist vor allem im beruflichen Kontext auch Vorsicht geboten. Vielleicht beginnt man mit dem konkreten Austausch im kleinen vertrauten Kreise, in dem man sicher sein kann, dass das Wagnis, einen Fehler einzugestehen, auf Verständnis, Hilfsbereitschaft und Unterstützung stoßen wird. Nach und nach lässt sich das allgemeine Gespräch über Fehlerkulturen dann auch in größeren Gruppen führen.

4) Der Sozialraum Schule

Als LehrerIn hat man es besonders schwer, Fehler einzugestehen und den konstruktiven Umgang mit ihnen zu kultivieren. Unsere Fach- und unsere pädagogische Kompetenz sind schließlich wesentliche Bestandteile unseres Berufes.
Fragt man Schülerinnen und Schüler, so verzeihen sie Fehler durchaus. Kleine Fehler. Flüchtigkeitsfehler. Fehler, die sich leicht korrigieren lassen. Dann wünschen sie sich allerdings auch eine schnelle, klare und ehrliche Korrektur. Geht es allerdings um die Vorbereitung auf Leistungskontrollen oder gar Abschlussprüfungen, nimmt die Fehlertoleranz der SuS deutlich ab. Es kann zu einem Vertrauensverlust kommen, der sich nur mit großer Mühe wieder aufarbeiten lässt.
Etwas anders wirkt sich der Umgang mit menschlichen Schwächen aus. Die lassen sich im Schulalltag ja nicht immer professionell verbergen. Interessanterweise führt der offene Umgang mit persönlichen Schwächen, wenn sie sich im Berufsalltag ausgewirkt haben, eher zu einem Vertrauensgewinn, wenn der Versuch einer Weiterentwicklung durch die Lehrkraft für die Schülerinnen und Schüler erkennbar wird.

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Der konstruktive Umgang mit eigenen Fehlern und Schwächen hat, das hat die Session ergeben, positive Folgen: eine Erweiterung des Wissens, der Kompetenz oder der Erfahrung. Oder gar einen notwendigen grundsätzlichen Richtungswechsel. Und mit Anderen solch positiven Erfahrungen zu teilen und in diesem Sinne ein „Vorbild im Scheitern“ zu sein, wäre doch überaus ermutigend und inspirierend für alle.

Ein besonderer Dank gilt den TeilgeberInnen der Session, die – darüber habe ich mich besonders gefreut – eine ganz bunte Truppe bildeten und sich auf ein so unwägbares Thema eingelassen haben. Ich bin mir bewusst, dass ich die Diskussionen und Bilder nur in Ansätzen und vielleicht sogar verfälschend (!) aufnehmen konnte. Dieses Risiko gehe ich ein und hoffe, dass alle sich in irgendeinem Aspekt wiederfinden können oder Wichtiges bzw. Strittiges kommentierend ergänzen werden.