Der Schweizer Erziehungsexperte Remo Largo forderte 2010 in einem SPIEGEL-Interview nichts Geringeres als eine pädagogische Revolution an deutschen Schulen.

Zu dieser Bildungsrevolution müsse auch gehören, so Largo, dass Lehrer die „Chance auf ein engeres Verhältnis zu Schülern“ bekämen. Auf die kritische Nachfrage, ob die reformpädagogische „Nähe zum Kind“ nach den Fällen sexueller Gewalt an der Odenwaldschule nicht auch als problematisch anzusehen sei, antwortet Largo: „Da kann ich nur mit den Schultern zucken. Es geht in den Kritiken nur um Haltungen, nicht um Argumente.“ Man mag kaum glauben, wie überhaupt ernsthaft bezweifelt werden kann, dass eine institutionell propagierte „Nähe zum Kind“ eine Gefahr zu deren Missbrauch birgt, wenn sie unreflektiert und vor allem unkontrolliert bleibt.

Aber es geht hier nicht um die pauschale Verurteilung einer Schulform. Es ist die Aufgabe aller Bildungseinrichtungen zu klären, was eine professionelle Beziehungsqualität im pädagogischen Kontext bedeutet. Wie Begegnungen zwischen LehrerInnen und SchülerInnen z.B. in sozialen Netzwerken gestaltet werden können und welche Grenzen sie haben müssen. Und welche Strukturen und Strategien vorbeugend wirken können gegen die Instrumentalisierung von Machtpositionen.

Um die Diskussion über die Professionalisierung des Beziehungsbegriffs im pädagogischen Kontext voranzutreiben, lege ich hier einige Merkmale einer lern- und entwicklungsförderlichen Lehrer-Schüler-Beziehung vor, die deren notwendigen Grenzen Rechnung zu tragen versucht. Selbstverständlich hängen diese Merkmale nicht nur von der Bereitschaft der Lehrkraft ab, sondern auch von den Möglichkeiten, die ihr in ihrem Berufsalltag gegeben sind. Dass die Bedingungen im Berufsalltag von LehrerInnen nicht ideal sind, ist aber per se kein Grund, die notwendige Reflexion der Gestaltung pädagogischen Handelns zu vertagen oder gar nicht erst zu führen.

Der Beitrag stellt eine ausdrückliche Einladung zur kritischen Diskussion und zur Ergänzung der genannten Merkmale einer professionalisierten Beziehungsqualität dar.

1. Die LehrerIn sieht die SchülerIn innerhalb des Klassenverbands als individuelle Persönlichkeit an und begegnet ihr mit menschlicher Wertschätzung und Respekt, so dass für alle am Lernprozess Beteiligten ein Gefühl der Zugehörigkeit entstehen kann.

2. Die LehrerIn bietet sich als professionelle AnsprechpartnerIn für die SchülerIn an und nimmt sich Zeit für die Beratung in schulischen Belangen.

3. Die LehrerIn interessiert sich für die Lebensrealität Jugendlicher als sozialer Gruppe, ohne sich unkritisch mit ihr gleichmachen zu wollen und die Rollenverteilung aufzugeben.

4. Die LehrerIn hat den Mut, sich SchülerInnen gegenüber auch innerhalb ihrer fachlich-professionellen Rolle als authentische Persönlichkeit zu zeigen.

5. Die LehrerIn erkennt die individuellen Qualitäten und Schwierigkeiten der SchülerInnen als Ausgangsbasis für die Gestaltung des Lernprozesses an.

6. Die LehrerIn verzichtet konsequent auf Entmutigung der SchülerInnen und ermöglicht so einen ermutigenden Lernprozess.

7. Die LehrerIn ist sich der Tatsache bewusst, dass der Umgang mit SchülerInnen nicht privater, sondern öffentlicher Natur ist, und gestaltet diesen entsprechend.

8. Die LehrerIn achtet darauf, die SchülerInnen nicht einer Situation auszusetzen, in der sie gezwungen wären, eine Grenze zu ziehen und diese der LehrerIn gegenüber zu formulieren. Denn das ist ihnen angesichts der Abhängigkeit von der LehrerIn in der Regel nicht unbefangen möglich.

9. Die LehrerIn ist bereit, ihr pädagogisches Handeln distanziert zu beobachten und kontinuierlich kritisch zu reflektieren.

10. Bildungseinrichtigungen führen einen kontinuierlichen Diskurs über die Professionalisierung des Beziehungsbegriffs, der die aktuellen gesellschaftlich-sozialen Entwicklungen berücksichtigt und zu verbindlichen Absprachen und Handlungsmaximen führt, die präventiv wirken.

Eine ausführliche Erläuterung der Thesen finden Sie hier: Nähe und Distanz

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