Ich störe, also bin ich…

30. September 2012

Unterrichtsstörungen sind ein beliebtes Thema in der Lehrerausbildung. Und es wird häufig anhand von Rollenspielen behandelt, die die Teilnehmenden manchmal mehr beunruhigen, als ihnen psychologische Kenntnisse, wirkungsvolle Strategien und damit Sicherheit zu vermitteln. Denn selten erfährt man bei dieser Art Experiment, WIE Unterrichtsstörungen entstehen. Dass nicht die Frage „Warum kommt es zu Unterrichtsstörungen?“, sondern allein die Frage „WOZU stören SchülerInnen den Unterricht?“ erhellend ist und weiterbringt.

Unterrichtsstörungen sind in der Regel ein Ausdruck von Entmutigung. Kinder wollen sich immer zugehörig fühlen. Gelingt ihnen das nicht im Positiven, erscheint Aufmerksamkeit für schlechtes Verhalten immer noch besser als gar keine Aufmerksamkeit und liefert zumindest kurzfristig Befriedigung.

Rudolf Dreikurs („Kinder fordern uns heraus“) hat gezeigt, dass störendem Verhalten ein unterschiedliches Ausmaß von Entmutigung und damit unterschiedliche Nahziele zugrundeliegen. Und die Art, wie wir als LehrerInnen spontan auf die Störung reagieren, zeigt uns, welches Ausmaß von Entmutigung gerade vorliegt:

1. Stufe: Aufmerksamkeit

Aktion (SuS): störendes Verhalten
Botschaft: „Ich gehöre nur dazu, wenn ich bemerkt werde.“
Reaktion (LuL): irritiert, gestört, verärgert

2. Stufe: Machtkampf

Aktion: provozierendes Verhalten
Botschaft: „Ich gehöre nur dazu, wenn ich überlegen bin.“
Reaktion: provoziert, herausgefordert, bedroht

3. Stufe: Vergeltung

Aktion: verletzendes Verhalten
Botschaft: „Ich gehöre nur dazu, wenn ich zurückschlagen / anderen weh tun kann.“
Reaktion: wütend, persönlich getroffen, verletzt

4. Stufe: Rückzug

Aktion: Rückzugsverhalten
Botschaft: „Ich gehöre nur dazu, wenn ich andere nicht störe.“
Reaktion: hilflos, hoffnungslos, ohnmächtig

(Quelle und Lektüreempfehlung: Theo Schoenaker / Ewald Th. Müller / John M. Platt: Erfolg in der Schule. Die Kraft der Ermutigung zu Hause und in der Klasse, Bocholt 22010, S. 25.)

Was aber tun, wenn wir uns mit Unterrichtsstörungen konfrontiert sehen? Nun, zunächst einmal ist alles besser, als so zu reagieren, wie man spontan reagieren möchten. Denn damit erfüllt man das unbewusste destruktive Ziel der SchülerInnen. Also durchatmen, leise bis drei zählen und die Reaktion erst einmal verzögern. Und dann: ANDERS reagieren. Und langfristig versuchen, diese SchülerInnen zu ermutigen, d.h. sich auf die Suche nach dem kleinen g begeben.

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