Hände weg vom Lob!

31. August 2012

Eltern und LehrerInnen meinen es meist gut, wenn sie Kinder oder SchülerInnen loben. Lob gilt als etwas Positives, wird häufig sogar mit Ermutigung gleichgesetzt. Das ist aber nicht richtig. Wie das, stellen doch beide eine Art der Wertschätzung dar?

Aufschluss gibt der Vergleich der Wirkung von Lob und Ermutigung. Lob stellt eine wertende Aussage über eine gute Leistung dar: „Gut gemacht! Prima! Toll!“ Ermutigung hingegen ist ein Signal der Aufmerksamkeit für eine spezifische Anstrengung ohne Berücksichtigung des Ergebnisses der Anstrengung: „Ich merke, du bist enttäuscht über das Ergebnis, aber ich habe gesehen, wie viel du gelernt hast. Jetzt weißt du, dass du beim Lernen etwas anders vorgehen musst. Das kannst du beim nächsten Mal ausprobieren. Ich helfe dir gerne dabei.“ Das mag im direkten Vergleich etwas akademisch oder sogar naiv erscheinen. Der Unterschied bezüglich der Wirkung ist aber enorm. Ermutigung wird gerade dann notwendig, wenn Misserfolge und Enttäuschung auftreten.

Während das Lob von Anderen abhängig macht, stärkt die Ermutigung die Autonomie. Das gelobte Kind fühlt sich wertvoll, wenn es Anerkennung für eine gute Leistung bekommt. Was aber, wenn die gute Leistung wie selbstverständlich erwartet wird oder gar nicht eintritt? Die allgemeine Angst vor einem möglichen Versagen kann sogar größer sein als die Freude über das konkrete Lob. Das ermutigte Kind fühlt sich wertvoll so, wie es ist, und kann dadurch Mut zur Unvollkommenheit entwickeln – eine der wichtigsten Qualitäten im Leben, die es uns ermöglicht, uns ständig weiterzuentwickeln.

Wer SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten fördern und ermutigen möchte, braucht dazu nur die Bereitschaft, einen genauen Blick auf das Verhalten seiner SchülerInnen zu werfen – einen Blick, der Versuche und Fortschritte anerkennt, statt auf gute Ergebnisse zu warten. Und ein Rückmeldeverhalten, das den SchülerInnen deutlich macht, dass die Wertschätzung für ihre Person auch in der Schule nicht von ihrer schulischen Leistung abhängt.

Und wenn es um die feine Unterscheidung zwischen Lob und Ermutigung geht: Niemandem ist damit geholfen, wenn man gar nicht ermutigt aus Angst, es könne sich doch vielleicht eher um ein Lob handeln. Hier gilt: Mut zur Unvollkommenheit!

Lektüreempfehlung: Theo und Julitta Schoenaker / John M. Platt: Die Kunst, als Familie zu leben, Freiburg 2007, S 58-61.